Sindelfingen sucht den Notausgang
  28.01.2015 •     Pressemitteilung

Sportpolitik: Die Kosten für die Sportstättenpläne explodieren, das Floschenstadion ist wieder im Spiel / Gemeinderat soll am 17. März Farbe bekennen

Seit der Sondersitzung am gestrigen Dienstag darf der Gemeinderat wieder in zwei Richtungen denken. Variante A besagt, dass es so weiter geht wie bisher. Soll heißen: Das Floschenstadion wird abgerissen, dafür entstehen zwei Zentren am Allmendstadion in Maichingen und am Glaspalast. Variante B: Die Stadt soll durchrechnen, was es kosten würde, das Stadion an der Rosenstraße doch zu sanieren und konkrete Vorschläge machen.

Das Thema hat längst auch die Sindelfinger Sportlerfamilie wieder wach gerüttelt. Auf den voll besetzten Zuhörerrängen im großen Sitzungssaal saß auch ein hochkarätiges Damentrio, das einst vom Floschenstadion aus die Leichtathletik-Welt eroberte und den VfL sogar bei Olympia präsentierte. Birgit Hamann startete 1996 in Atlanta über die 100 Meter Hürden, Andrea Weiss, bekannt unter ihrem Geburtsnamen Andrea Thomas, landete in Barcelona 1992 mit der Sprint- und der Rundenstaffel jeweils auf dem vierten Rang. Und Heidi-Elke Hudak brachte unter dem Namen Heidi Elke Gaugel 1984 mit der 400-Meter-Staffel Bronze aus Los Angeles mit nach Hause.

Alle drei lässt die Stadionfrage nicht kalt. ?Das Floschenstadion war mein Zuhause. Und ich halte hier doch noch den Rundenrekord?, sagt Andrea Weiss. Heidi-Elke Hudak sagt: ?Ich hatte Tränen in den Augen, als ich hörte, dass das Stadion abgerissen wird. Ich kenne hier jeden noch so kleinen Winkel. Ich kann mir gar nicht vorstellen, über die Rosenstraße zu fahren ? und plötzlich sollen Häuser stehen, wo immer das Stadion war.?

Dass das Floschenstadion überhaupt wieder zurück auf die Ersatzbank kommt, liegt an der Kostenexplosion. Die Mehrkosten für das aktuelle Konzept liegen im zweistelligen Millionenbereich. Nach dem Grundsatzbeschluss von 2008 hatte die Verwaltung drei Jahre später mit 4,6 Millionen Euro kalkuliert, die den Haushalt belasten. Jetzt sieht es schon anders aus. Die Zahlen liegen schon bei über 15 Millionen Euro. Und ein Ende der Fahnenstange ist nicht erreicht.

Denn eins ist klar: Egal was kommt, es dauert. Selbst wenn Sindelfingen so weitermacht wie bisher, wird es den letzten Pinselstrich auch 2017 nicht geben. Wieder einmal verschiebt sich das Projekt. Sportbürgermeister Christian Gangl rechnet ?mit einer Fertigstellung 2018. Aber auch nur dann, wenn nichts dazwischen kommt.? Weil sich bis dahin der Markt aber erneut verändert, rechnet die Verwaltung vorsichtshalber schon mit 18,65 Millionen Euro ? und da man noch recht früh in der Kalkulation stehe, könne sich selbst das nochmals nach oben korrigieren. Bis zu 30 Prozent könne man daneben liegen. Das macht unterm Strich 21,54 Millionen Euro.

Doch woher die Mehrkosten? Die Stadt macht das an Planänderungen fest. Zum Beispiel, dass Sportplätze jetzt anders angelegt werden sollen, als 2011 vorgesehen. Oder, dass Baupreise steigen. Dass die Schwippe renaturiert werden soll, hatte auch keiner vorher gesehen, was wiederum die Grundstückserlöse im Floschenareal drückt. Und es gehe um Detailfragen wie Böschungen und Zufahrtswege, um Altlasten und Wegeverbindungen, um Funktionsgebäude oder die Erkenntnis, dass der Glaspalast kaum zur Fußballer-Umkleide taugt.

Die Spirale dreht sich also weiter und Sindelfingen sucht den Notausgang. Einer davon könnte direkt vor der Haustür liegen. Denn wenn Christian Gangl und Oberbürgermeister Dr. Bernd Vöhringer sagen, dass eine Sanierung des Floschenstadions nicht zwingend teurer sei als die derzeitigen Pläne mit Abriss und den zwei Zentren in Maichingen und am Glaspalast, dann fehle auch die Grundlage, die damals zum Abrissbeschluss geführt hatte.

Allerdings ist auch die Sanierung des Floschenstadions nicht ohne. Zum Einen gilt hier Bestandschutz. Sprich: Um neu zu bauen, bräuchte es einen zeitfressenden Bebauungsplan mit all seinen bürokratischen Hürden und Umwegen und dazu möglichst kompromissbereite Nachbarn. Und wenn man Pfähle oder neue Fundamente unter die bis zu 60 Jahre alten Gebäude schieben will ? die Gaststätte ist aus dem Jahr 1955, die anderen Hochbauten wie die Tribüne oder der Kiosk entstanden 1972 ? dann geht das wegen der Altlasten im Auen-Grund auch nicht problemlos.

Eine andere Möglichkeit sei, an den bisherigen Plänen im Grundsatz festzuhalten, diese aber abzuspecken. Zum Beispiel in Maichingen nur 400 statt 600 Tribünenplätze zu bauen. Oder am Glaspalast den vierten Platz unter die Stromleitung zu legen. Dann müsse man keinen neuen Masten bauen. Und weil es dann recht eng zugeht, wäre das neue Spielfeld auch kleiner.

Die bisher ausgegebenen 3,37 Millionen Euro seien jedoch auf keinen Fall verloren, sagt Christian Gangl, egal, in welche Richtung es künftig geht. Die beiden Kunstrasenplätze in Maichingen und am Glaspalast hätte man sowieso gebaut und auch die Leichtathletik-Anlagen im Allmendstadion hergerichtet.

Eine Empfehlung will die Rathausspitze den Stadträten nicht geben. Nur so viel: Es soll wieder Gesprächsrunden geben. Mit der Bürgerinitiative Floschenareal, mit den Vereinen, bei einer Bürgerversammlung in Maichingen und auch in den Ratsrunden, wo es zunächst nur darum gehen soll, viele offene Fragen zu beantworten. Am 17. März soll der Gemeinderat Farbe bekennen. Die Möglichkeiten: weitermachen wie bisher, weitermachen und abspecken oder das Thema Floschenstadion doch wieder neu aufrollen.

Etliche Stadträte wirkten während der Sondersitzung wie die Raubtiere kurz vor dem Sprung. Die große Debatte gab es trotzdem nicht. Die Fraktionen waren sich einig, dass man die Neuigkeiten erst einmal sacken lassen muss. Nur SPD-Stadtrat Andreas Schneider-Dölker wurde jetzt schon deutlich: ?Wir sollten hinterfragen, wie die Kommune mit großen Projekten umgeht.

erstellt von szbz.de