Polizei holt Wandifa Sanneh nachts ab
  09.04.2015 •     Pressemitteilung

Leichtathletik: Bestürzung beim VfL Sindelfingen / Der 19-jährige Asylbewerber wird kurz vor seinem zweiten Praktikumstag in einer Jugendherberge abgeschoben

Rechtlich korrekt, menschlich fragwürdig: Der 19-jährige Asylbewerber Wandifa Sanneh ist am frühen Dienstagmorgen um 4 Uhr in Balingen von der Polizei abgeholt und in Richtung Niederlande abgeschoben worden. Für den jungen Gambier endet damit sein Leben in Deutschland. Die Leichtathleten beim VfL Sindelfingen sind geschockt.

Längst fühlte sich Wandifa Sanneh im blau-weißen Dress pudelwohl. Im vergangenen Jahr war er nach Balingen gekommen, lebte in der Gemeinschaftsunterkunft in der Beckstraße. Eine Betreuerin hatte von der Leidenschaft des Sportlers erfahren und klapperte Vereine im Umfeld ab. Der VfL Sindelfingen nahm den Asylbewerber bei sich auf. Die Bande wurden stärker.

Dreimal in der Woche jagte er im Glaspalast über die Kunststoffbahn. Wandifa Sanneh fuhr dafür mit der Bahn von Balingen nach Tübingen. Dort wurde er von VfL-Trainer Sebastian Marcard abgeholt, der in Pliezhausen wohnt und fünf Kilometer entfernt vom Tübinger Bahnhof arbeitet. Zurück brachten ihn in der Regel seine neuen Teamkameraden. Drei weitere Male trainierte der 400-Meter-Läufer in Balingen ohne Trainer. „Für ihn ist das Training ein Ausbruch aus dem Alltag. Der Sport ist das, was er besonders gut kann und zumindest das kann er nun ausleben“, sagte Sebastian Marcard noch vor wenigen Wochen.

Sanneh galt wegen seinen Fleißes, seiner offenen Art und seiner Lernbereitschaft nicht nur beim VfL Sindelfingen als Musterschüler. Englisch beherrschte er schon vorher, „und es ist erstaunlich, wie sich seine Deutschkenntnisse in der verhältnismäßig kurzen Zeit verbesserten“, sagt Abteilungsleiter Markus Graßmann. Innerhalb der Integrationsklasse an der Philipp-Matthäus-Hahn-Schule in Balingen galt er als einer der Besten.

Die letzte Mail

Für VfL-Trainer Sebastian Marcard war auch das ein zusätzlicher Ansporn, sich für den 19-Jährigen reinzuhängen. Sogar eine Ausbildungsstelle beim Werkzeugbauunternehmen Groz-Beckert in Albstadt stand in Aussicht. Im firmeneigenen Fitness-Studio durfte er schon trainieren und auch ein Praktikum war angeleiert. Um die Zeit bis dorthin zu überbrücken, begann Wandifa Sanneh am Ostermontag ein Praktikum in der Jugendherberge Lochen. Seine Lehrerin Gerlinde Bien schrieb ihn abends an und wollte wissen, wie der erste Tag verlief. Um 1 Uhr nachts antwortete Wandifa Sanneh: „Entschuldigen Sie bitte, ich habe Ihre Nachricht sehr spät gesehen. Es war sehr schön und die Leute sind prima. Ich war müde und musste schlafen, um mich fürs Training auszuruhen. Ich habe heute Nacht noch ein bisschen trainiert und gehe jetzt schlafen ... Wandifa.“ Drei Stunden später holt ihn die Polizei ab.

Um 4.30 Uhr gab es das letzte Lebenszeichen, das Sebastian Marcard erreichte. „Eine SMS, in der er mir schrieb, dass er gerade in einem Polizeiauto sitzt. Seitdem hoffe ich, dass er irgendwie wieder an einen Internetzugang kommt, damit wir Kontakt aufnehmen können“, sagt sein Sindelfinger Trainer – der deshalb selbst im Trainingslager auf Mallorca rund um die Uhr erreichbar war.

Deutschland war nicht das Land, dessen Boden Wandifa Sanneh nach seiner Flucht als Erstes betreten hatte, sondern Holland. Gemäß dem Dubliner Übereinkommen wurde er in sein Ankunftsland in Europa zurückgeführt. Allein die Niederlande sind demnach für die Bearbeitung seines Asylantrags zuständig. Dass das in seinem Fall so kommen würde, war Wandifa Sanneh wohl bewusst: Bereits im Februar sollte er abgeholt und ins Nachbarland gebracht werden – allerdings schlief er damals zufällig nicht in seinem Zimmer, sodass die Beamten ihn nicht fanden.

Unter den ehrenamtlichen Helfern des Balinger Arbeitskreises Asyl und bei allen, die Wandifa Sanneh unterstützten, ist die Bestürzung groß. Auch und vor allem beim VfL Sindelfingen. Markus Graßmann: „Wandifa war bestens integriert. Sonst hätten wir ihn kaum fast täglich ins Training geholt, mit Kleidung und Schuhen versorgt oder ihm eine Startgenehmigung für die süddeutschen Meisterschaften verschafft, bei der er außer Konkurrenz eine Mordsleistung abgeliefert hat.“ Diese hatte auch bereits den Bundestrainer erreicht: „Er kann mit seinen Fähigkeiten zu einem Sportler von nationalem Interesse werden“, sagt Marco Kleinsteuber.

„Er ist einer von uns“

Das alles scheint jetzt Makulatur. Seit bei den Sindelfinger Leichtathleten die Nachricht eingeschlagen hat, quillt auch bei Markus Graßmann das E-Mail-Fach über. „Die Post kommt aus allen Richtungen, wir sind alle tieftraurig. Er ist einer von uns“, sagt Markus Graßmann.

Ob es nochmals einen Weg zurück gibt? Die Härtefallkommission hat einen Antrag abgelehnt. Seine Lehrerin in Balingen, Gerlinde Bien, kündigt Schritte an, will zuerst den Landrat anschreiben und darum bitten, dass der 19-Jährige die Schule zu Ende bringen darf. Der Landrat soll die Rückführung nach Holland aussetzen bis zum Schuljahresende. Hoffnung macht auch, dass Wandifa Sanneh kurz vor dem Beginn einer Ausbildung steht.

Auch Sebastian Marcard macht sich für seinen Zögling stark, denkt in verschiedene Richtungen, will unter anderem nochmals Kontakt mit dem Innenministerium aufnehmen. Empfehlungsschreiben von Bundestrainer Marco Kleinsteube und Jugendbundestrainer Jörg Möckler hatte er bereits organisiert. Diese gingen vor drei Wochen raus, blieben aber unbeantwortet.

Eingeschaltet hat sich mittlerweile auch der Böblinger SPD-Landtagsabgeordnete Florian Wahl mit einem Brief an den Innenminister Reinhold Gall. „Ein erfülltes gesellschaftliches Leben, Freunde in Schule und Sportverein sowie vielversprechende Aussichten auf eine gute Ausbildung – all das sind Erfolge, die sich Wandifa Sanneh durch Intelligenz ebenso wie durch viel persönliches Engagement erarbeitet hat und die dem jungen Mann Sicherheit und Beständigkeit bieten und ihn in seiner Entwicklung stützen“, schreibt Florian Wahl.

erstellt von szbz.de