„Ich gebe alles und arbeite an mir“
  02.03.2015 •     Pressemitteilung

Ein Flüchtling trainiert beim VfL Sindelfingen mit Eine Flüchtlingsflut, überfüllte Asylbewerberheime, diese Themen sind in aller Munde. Einzelne fallen bei der puren Masse der ankommenden Menschen selten auf. Bei Wandifa Sanneh ist das anders. Der Gambier war in seinem Herkunftsland ein erfolgreicher 400-Meter-Läufer und vertrat sein Land auch bei internationalen Wettkämpfen. Nun trainiert er seit einigen Monaten beim VfL Sindelfingen mit.

Über seinen Weg von Gambia nach Deutschland ist nur wenig bekannt. Fakt ist, dass Sanneh zurzeit im Asylbewerberheim Balingen wohnt und Antrag auf Asyl gestellt hat. Eine Betreuerin erfuhr von der Leidenschaft des Sportlers und kontaktierte Vereine im Umfeld. Der VfL Sindelfingen erklärte sich schnell bereit, den Asylbewerber bei sich aufzunehmen.

Nun fährt Sanneh drei Mal in der Woche mit der Bahn von Balingen nach Tübingen, dort wird er von Mitgliedern des VfL-Sprintteams weiter in den Glaspalast mitgenommen. Drei weitere Male trainiert er in einem Stadion in Balingen ohne Trainer. „Für ihn ist das Training ein Ausbruch aus dem Alltag. Der Sport ist das, was er besonders gut kann und zumindest das kann er nun ausleben“, sagt VfL-Trainer Sebastian Marcard.

Wandifa Sanneh ist ehrgeizig, der junge Mann geht neben dem Training täglich zur Schule, spricht gut Englisch und ist gerade dabei Deutsch zu lernen. Vor zwei Wochen ist Wandifa 19 Jahre alt geworden, seine gesamte Familie hat er in Gambia zurück gelassen. „Der Sport ist für ihn ein Ausgleich und gibt ihm Halt und ein gewisses Selbstwertgefühl“, weiß Trainer Marcard.

Der VfL-Coach setzt sich für Wandifa Sanneh ein und freut sich, dass der Gambier so positiv in der Trainingsgruppe aufgenommen wurde. „Er passt super in unsere Gruppe und es macht viel Spaß mit ihm zu trainieren.“ Von John-Henry Tate, der ebenfalls afrikanische Wurzeln hat, wurde Sanneh mit Spikes und Turnschuhen ausgestattet. Und auch sonst sorgt man sich um den Asylbewerber aus dem fernen Westafrika. Einmal in der Woche bekommt er einen zusätzlichen Korb mit Essen von Sebastian Marcard. „Sanneh hat nicht viel Geld zur Verfügung, er hat bislang fast jeden Tag nur Reis gegessen.“ Außerdem durfte Sanneh vor kurzem ein besseres Zimmer im Asylbewerberheim beziehen. „Er war in einem Durchgangszimmer untergebracht, da war es aber viel zu laut. Sanneh braucht Ruhe, er trainiert schließlich viel und lernt für die Schule“, sagt Marcard.

Auch Wandifa Sanneh, ein freundlicher junger Mann, der sich im Sindelfinger Glaspalast recht wohl zu fühlen scheint, gibt sich ehrgeizig. „Ich gebe im Training alles und arbeite an mir. Meine Ausdauer muss ich noch verbessern. Mein Ziel ist es irgendwann eine 46er-Zeit zu laufen“, sagt er in recht flüssigem Englisch.
Der Sindelfinger Trainer ist von den sportlichen Fähigkeiten des Gambiers begeistert, bei den süddeutschen Meisterschaften vor gut einem Monat zeigte Wandifa Sanneh, außer Konkurrenz, erstmals im Trikot des VfLsein Können. In der Karlsruher Messehalle ging er seinen 400-Meter-Lauf langsam an, Hallenrennen sind für das Mittelstrecken-Talent noch etwas ungewohnt, auf der Zielgeraden überzeugte er aber mit einem mehr als starken Finish. Mit seiner Zeit von 49.45 Sekunden hätte er es bei den deutschen Jugendmeisterschaften bis ins Finale geschafft. „Wandifa ist ein Wahnsinnstalent. Im Training rennt er alles in Grund und Boden. Er hat eine Schnellkraft wie der Teufel“, sagt Marcard. Die Bestleistung des Gambiers liegt bei 47,95 Sekunden, damit wäre er der aktuell schnellste U20 Athlet in Deutschland über die 400-Meter-Strecke. Da sich Sanneh schon seit vielen Monaten in Deutschland aufhält, hofft man, dass der Mittelstreckler spätestens im Sommer das Startrecht für den VfL bekommt.

Wie ein Damoklesschwert schwebt aber eine Abschiebung des 19-Jährigen über allen Zukunftsplanungen. „Rechtlich gesehen kann es jeden Tag passieren, dass die Polizei auftaucht und ihn nach EU-Recht abschiebt. Um dies zu verhindern versuchen seine Lehrerin und ich alles zu unternehmen, dass er in Deutschland, bei uns, bleiben kann. Denn das ist sein großer Wunsch“, so Sebastian Marcard.

erstellt von szbz.de