Eva Baur: "Für mich ist das ein Glücksfall"
  15.04.2014 •     Pressemitteilung

Leichtathletik: Die Sprinterin aus Poltringen profitiert vom Programm "Partnerbetrieb des Spitzensports"

Leistungssport und Ausbildung oder Beruf unter einen Hut zu bringen, ist für Athleten nicht selten ein schwieriger Balanceakt. Mit dem Programm "Partnerbetrieb des Spitzensports" werden in Baden-Württemberg derzeit 35 Sportler unterstützt. Zu ihnen gehört auch die Poltringer Leichtathletin Eva Baur, die bei Mercedes-Benz in Sindelfingen kürzlich die Ausbildung zur Industriekauffrau abgeschlossen hat.

Robert Stadthagen

Eva Baur hat nur eine leichte Bräune im Gesicht. Dabei ist sie gerade erst ein paar Tage aus dem Trainingslager im spanischen Lloret de Mar an der Costa Brava zurück. "Morgens haben wir drinnen Krafttraining gemacht, nachmittags waren wir draußen. Dann war die Sonne aber meistens verschwunden", bedauert Baur. Keine Chance auf Sonnenbrand bei den Laufeinheiten. Wo andere junge Menschen Erlebnis-Urlaub machen, hat das Sprintteam des VfL Sindelfingen ein intensives Grundlagentraining für die kommende Freiluftsaison absolviert.

 

Zwei Wochen Trainingslager - wie geht das neben dem Beruf? Nur mit dem Entgegenkommen des Arbeitgebers. Eva Baur profitiert vom Programm "Partnerbetrieb des Spitzensports", an dem Mercedes-Benz als eines von derzeit 33 Unternehmen in Baden-Württemberg teilnimmt. Im Rahmen des Projekts des Ministeriums für Finanzen und Wirtschaft und des Landessportverbandes wird momentan 35 Bundeskader-Athleten geholfen, Training und Job bestmöglich zu koordinieren. Dazu gehören flexible Arbeitszeiten ebenso wie Freistellungen. "Bei 30 Tagen im Jahr kann man sich ausrechnen, dass es schwierig wäre, wenn man das nur über den Urlaub hinbekommen müsste", sagt Baur.

Inzwischen arbeitet sie in Teilzeit und Arbeits- und Trainingszeiten sind perfekt aufeinander abgestimmt. Vieles funktioniert - wie bei anderen Arbeitnehmern auch - über Gleitzeit. Aber auch während der Ausbildung in Vollzeit hat sie vonseiten ihres Arbeitgebers größtmögliches Entgegenkommen erfahren. "Es hat sogar kurzfristig funktioniert, wenn ich Termine erst einen Tag vorher anmelden konnte", erklärt die 22-Jährige. "Uns ist es wichtig, die jungen Spitzensportler auf ihrem Weg zu unterstützen. Dazu gehören beispielsweise Freistellungen für die Teilnahme an Wettkämpfen oder Trainingslagern. Voraussetzung dafür ist jedoch grundsätzlich immer, dass sich der Athlet motiviert und leistungsbereit bei uns in der Ausbildung zeigt", erklärt Ute Glüsenkamp, Leiterin der betrieblichen Ausbildung des Mercedes-Benz-Werks Sindelfingen.

Apropos Leistungsbereitschaft. Jene Eigenschaften und Persönlichkeitsmerkmalen, die Menschen zu erfolgreichen Athleten machen, werden in der Regel auch im Arbeitsumfeld an den Tag gelegt. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Human Ressources Competence Center der Hochschule Pforzheim. So seien unter anderem die Anforderungen an sich selbst, die Belastbarkeit in arbeitsintensiven Phasen und die Motivation, im Beruf Leistung zu bringen, bei Leistungssportlern deutlich stärker ausgeprägt als bei anderen Mitarbeitern. "Leistungssportler werden als besonders belastbar, leistungsbereit und zielorientiert erlebt und verfügen dabei über eine positive, selbstbewusste Ausstrahlung", heißt es in einer zusammenfassenden Bewertung der Studienergebnisse. Eine Einschätzung, die Glüsenkamp bestätigt: "Wir haben bisher sehr gute Erfahrungen mit unseren Spitzensportlern gemacht. Sie legen sich mächtig ins Zeug, um sowohl bei uns im Betrieb als auch im Sport erfolgreich zu sein. Dieser Leistungswille überträgt sich auch auf die anderen Auszubildenden positiv."

Eine straffe Organisation und ein hohes Maß an Selbstdisziplin sind wichtige Bausteine, um Beruf und Leistungssport unter einen Hut zu bringen. Baur hat ihre Woche klar strukturiert. "Ich arbeite am Montag und Freitag neun Stunden, an den anderen Tagen vier", erklärt die Athletin. Ab Juni werden es dann während der Saison immer vier Stunden pro Tag sein. Woanders würde sie womöglich schräge Blicke oder schnippische Kommentare der Kollegen ernten. In ihrer Abteilung stößt sie auf volle Akzeptanz. "Mein Chef unterstützt mich voll. Solange das Geschäft läuft, passt es", sagt die Poltringerin. Montags und freitags steht am Abend nach der Arbeit Krafttraining in einem Tübinger Studio auf dem Programm. Am Dienstag und Donnerstag liegt der Schwerpunkt auf Sprinteinheiten im Sindelfinger Floschenstadion. Dazu kommen an beiden Tagen seit Abschluss der Ausbildung am Morgen Zirkel und Koordination in Tübingen. Am Mittwoch trainiert Baur am Institut für Sportwissenschaft in Tübingen Kraft oder - vor allen Dingen während der Saison - Sprint. Der Samstag ist zurzeit vornehmlich für lange Läufe reserviert. In dieser Art wird es bis Ende September laufen. Dann verlässt Baur Mercedes-Benz, um in Tübingen ein Studium der Wirtschaftswissenschaften zu beginnen.

Damit reiht sich die 22-Jährige in die große Masse der Uni-Gänger unter den Athleten ein. "Wir haben deutlich mehr Studenten als Auszubildende unter den Sportlern", sagt Herbert Wursthorn, der den jungen Sportlern am Olympiastützpunkt Stuttgart als Laufbahnberater zur Seite steht. Zurzeit werden im Rahmen des Projektes 35 Sportler in 33 Betrieben betreut - eine erstaunlich geringe Zahl. Trotzdem lohnt es sich aus Sicht der Verbände, diesen Athleten entsprechende Arbeitsplätze zu vermitteln. "Nicht jeder will studieren. Wenn wir für diese Menschen kein Angebot auf die Beine stellen können, gehen sie dem Sport verloren", sagt Wursthorn. Aber längst nicht alle Spitzensportler greifen auf die Dienste der Verbände zurück. "Es gibt viele, die ihre Ausbildung ohne unsere Hilfe durchziehen", weiß Günther Lohre, Direktor Leistungssport beim Landessportverband Baden-Württemberg. Er möchte das 2012 ins Leben gerufene Projekt weiter ausbauen. "Wir sind noch nicht dort, wo wir sein wollen, aber es entwickelt sich sehr gut."

Baur ist froh, dass sich ihr Arbeitgeber als Partnerbetrieb des Spitzensports engagiert. "Für mich ist das ein Glücksfall", sagt sie voller Überzeugung. Sie sammelt in den nächsten Wochen weiter fleißig Überstunden für das nächste Trainingslager. Im Mai geht es mit dem Bundeskader für drei Wochen nach Florida. Ende Mai stehen die ersten wichtigen Wettkämpfe der Saison im Terminkalender.

erstellt von gaeubote.de (Robert Stadthagen)