Ein kleiner Mann mit großen Zielen
  29.12.2015 •     Pressemitteilung

Leichtathletik: Der 1,40 Meter große Niko Kappel will bei den Paralympics 2016 in Rio de Janeiro starten

Seine Leistungssteigerung in der vergangenen Saison war groß, die Motivation riesig – wenn Niko Kappel in den Kugelstoßring steigt, sind die Augen auf ihn gerichtet. Ab 2016 wird der Ausnahme-Sportler im Trikot des VfL Sindelfingen antreten.

 

Dass sein Auftritt viel Aufmerksamkeit erzeugt, liegt neben den starken Leistungen auch daran, dass der 20-Jährige aus der Masse der Kugelstoßer hervorsticht. Kappel misst genau 1,40 Meter, der Gegensatz zu Disziplinkollegen und neuem Vereinskamerad Tobias Dahm könnte kaum größer sein. Niko Kappel reicht Dahm, selbst 2,03 Meter groß, gerade einmal bis knapp über den Bauchnabel.

Der VfL-Neuzugang ist Behindertensportler, der erste in der Leichtathletikabteilung, und gehört der Startklasse F41 an. Das ist die Startklasse der Kleinwüchsigen, die maximal 1,45 Meter messen und eine maximale Armlänge von 60 Zentimetern haben. „Es ist genial, dass mir der VfL Sindelfingen diese Möglichkeit gibt. Es ist ein gewisser Stolz dabei, dass ich für einen guten Leichtathletikverein starten kann und ich werde mein Bestes geben“, sagt Niko Kappel.

In seiner Startklasse gehört Kappel spätestens seit dieser Saison zu den besten Kugelstoßern der Welt. In 2015 steigerte er seine Bestleistung mit der Vier-Kilogramm-Kugel in vielen Wettkämpfen, auch beim Hallenmeeting im Sindelfinger Glaspalast. Inzwischen liegt sie bei 12,85 Metern, das ist gleichzeitig der deutsche Rekord. Damit hat sich der Sportler in einem Jahr um mehr als zwei Meter gesteigert.

Einen großen Anteil daran hat Trainer Peter Salzer. Er nahm Kappel 2014 in das Wurfteam am Stuttgarter Olympiastützpunkt auf, dem neben der Sindelfinger Werferriege um Tobias Dahm auch WM-Teilnehmerin Lena Urbaniak angehört. Der Umgang ist kameradschaftlich, Kappel einer der Leistungsträger. „Wenn ich neben Tobi stehe habe ich natürlich nichts von der Sonne, aber damit kann ich leben. Er hat seine Nachteile ich habe meine“, witzelt der Kugelstoßer. Im Sport sind eben alle gleich, das hat Kappel ganz besonders erfahren. „Die anderen denken gar nicht mehr dran, das finde ich richtig cool.“ Der Bankkaufmann der Welzheimer Volksbank hat vom Sport profitiert.

Nachdem er die Paralympics von Peking 2008 im Fernsehen gesehen hatte, dachte sich Kappel: „So etwas kann ich auch.“ Er trat der Welzheimer Leichtathletikabteilung bei. 2009 nahm er zum ersten Mal eine Kugel in die Hand und spezialisierte sich schnell auf den Wurfbereich. Fünf Jahre später holte er bei den Junioren-Weltmeisterschaften in seiner Klasse Doppel-Gold im Kugelstoßen und Speerwerfen. „Der Sport ist für mich mehr als ein Hobby. Er macht mir großen Spaß und ist wichtig für mich, gerade weil ich ein Handicap habe. Ich habe viel Selbstbewusstsein und Ehrgeiz entwickelt. Das beeinflusst auch mein Privatleben“, sagt der 20-Jährige.

Trainer Peter Salzer stellte den Neu-Sindelfinger auf eine ganz besondere Drehtechnik um. Üblich ist, dass Drehstoßer eine Sechs/Viertel-Drehung machen. Kappel war der erste Kleinwüchsige Drehstoßer, der sich an der Vier/Viertel-Drehung versucht hat. Diese Drehung wird von anderen Kugelstoßern oft im Training verwendet, weil sich sehr gute Weiten erzielen lassen, doch jeder größere Kugelstoßer schafft es nicht, die Bewegung auf dem kleinen Raum, den der Kugelstoßring bietet, durchzuführen.

Deswegen eignet sich diese Drehung generell nicht für Wettkämpfe. Außer bei Niko Kappel: „Ich habe mich durch die Technikumstellung unglaublich gesteigert und war der erste Kleinwüchsige, der die von Peter entwickelte Technik im Wettkampf gezeigt hat. Ein halbes Jahr später haben bei den paralympischen Weltmeisterschaften fast alle mit unserer Technik gestoßen“, sagt der 20-Jährige ein wenig stolz.

Denn wenn er sich an die Weltmeisterschaft in Doha zurückerinnert, leuchten seine Augen sowieso. Zum ersten Mal auf der großen Bühne der Erwachsenen war Kappels Auftritt ein voller Erfolg. „In meinem letzten Versuch im Kugelstoßfinale habe ich Bestleistung gestoßen und die Silbermedaille gewonnen“, so der Vize-Weltmeister. Einzig Bartosz Tyszkowski aus Polen war nicht zu schlagen. Er sicherte sich mit einem Weltrekord den Titel und beherrscht zurzeit das Kugelstoßen der Kleinwüchsigen. „Ihm will ich im nächsten Jahr gehörig Druck machen, es gilt die 13-Meter-Marke anzugehen“, hat sich Niko Kappel vorgenommen. Außerdem peilt er seine ersten Paralympischen Spiele an. „Rio sind mein großes Ziel. Die Norm steht bei 11,80 Metern. Das müsste klappen.“

erstellt von szbz.de (sd)