DM am Samstag: Vor der Haustür: Angriff auf die Medaillen
  04.03.2020

Saskia Drechsel in der SZBZ vom 04.03.2020: Seinen bislang größten Erfolg konnte er vor gut zwei Wochen feiern. In Neubrandenburg lief Paul Specht seinen Altersgenossen davon und kürte sich über die 3000 Meter souverän zum Deutschen Jugendmeister. Auch bei den deutschen Crossmeisterschaften am Wochenende will der 17-Jährige angreifen, schließlich findet der Medaillenkampf direkt vor der Haustüre im Sindelfinger Freibad statt.

Für seine 17 Jahre hat der Sindelfinger Leichtathlet schon eine Karriere im Leistungssport erlebt, die bemerkenswert ist. Bis vor zwei Jahren galt Specht als hoch talentierter Fußballer, die Leichtathletik lief er nebenher, vor allem, um die Ausdauer zu verbessern. Beim VfB Stuttgart trieb er seine Fußball-Karriere voran, die beim GSV Maichingen begonnen hatte. „Am Anfang bin ich ins Leichtathletiktraining gegangen, um meine Schnelligkeit zu verbessern.“

Früh hat sich der VfL-Athlet deswegen an harte Trainingseinheiten gewöhnt und absolvierte schon in den ersten Teenagerjahren Umfänge von bis zu fünfmal Fußballtraining pro Woche, plus zusätzliches Leichtathletiktraining. Auf dem Platz fiel er insbesondere durch seine Ausdauer auf. „Ich war der mit der Pferdelunge“, sagt Specht rückblickend. Sein Talent wurde schnell auch unter den Leichtathleten offensichtlich, spätestens als er dank einer Freistellung des VfB an den deutschen U16-Meisterschaften in Bremen teilnehmen durfte. Das war im Jahr 2017, sein 3000-Meter-Rennen gewann er mühelos und sammelte den ersten Meistertitel. Trotz des Erfolgs: Der Fußball hatte Vorrang. Als Paul Specht allerdings weniger zum Einsatz kam, in der Leichtathletik aber 2018 in den Nationalkader rückte, begann das Umdenken. „Ich habe viel mit meinen Eltern und meinem Leichtathletiktrainer Harald Olbrich diskutiert, und wir haben beschlossen, das Laufen in den Fokus zu nehmen.“

Tempoläufe sind sein Ding

Fortan spielte er nach einem Wechsel nach Reutlingen zwar weiter Fußball, investierte aber mehr Zeit in das Leichtathletiktraining. „Die Fokussierung hat sich ausgezahlt, das haben die Erfolge gezeigt, jetzt bin ich in meinem zweiten Trainingsjahr voll bei den Leichtathleten“, sagt der 17-Jährige, der auch bei den anstrengendsten Einheiten mit viel Spaß bei der Sache ist. „Am liebsten mag ich Tempoläufe, egal ob extensiv oder intensiv, wenn man in den Läufen alles gibt und dann viel Pause dazwischen hat.“ Die Saisonvorbereitung zahlte sich in diesem Winter schon mehrfach aus. Zuerst qualifizierte sich Specht für die Cross-Europameisterschaften Anfang Dezember in Lissabon, sein bislang größtes Sporterlebnis: „Ich stand in der Startbox neben dem norwegischen Laufstar Jakob Ingebrigtsen, die Kamera ist vorbeigefahren, und ich wusste, ich bin im Livestream zu sehen“, sagt Specht. Beim Meeting in Karlsruhe der nächste Höhepunkt: Der Sindelfinger ließ im Junioren-Lauf über die 1500-Meter-Strecke viele starke und deutlich ältere Athleten hinter sich und siegte in neuer Bestzeit von 3:50,95 Minuten. Mit Selbstbewusstsein reiste Specht dann zu den deutschen Jugendhallenmeisterschaften in Neubrandenburg.

An diesem Wochenende steht für ihn der letzte Höhepunkt des Winters an: die deutschen Crosslauf-Meisterschaften. Für Specht ein Heimspiel. „Es wird spannend. Ich denke, es gibt tiefes Geläuf, es hat viel geregnet und je später man läuft, desto schlimmer wird es. Ich muss sehen, wie ich damit zurechtkomme“, sagt Paul Specht, der als eher schwerer Läufer bei tiefem Matschboden einen Nachteil hat. Die Konkurrenz ist groß. Ab Mitte März beginnt dann die heiße Phase der Vorbereitung auf die Freiluftsaison. Ein Trainingslager steht an, dazu viele Trainingseinheiten und bis zu 120 Kilometer Laufen pro Woche. Es ist viel Zeit, die Paul Specht in sein Hobby investiert, vom Gymnasium Unterrieden wird der Elftklässler dabei bestmöglich unterstützt.

Für die Freiluftsaison hat sich Paul Specht viel vorgenommen, der Fokus wird voraussichtlich auf den 3000 Metern liegen, der 17-Jährige träumt von einer Qualifikation für die Jugend-Weltmeisterschaften in Nairobi. „Die geforderte Norm ist hart, aber jeder Läufer träumt davon, nach Kenia zu gehen und vor diesem Publikum zu laufen.“

Saskia Drechsel ist froh, dass sich Paul Specht für Leichtathletik und gegen Fußball entschieden hat. Am Samstag drückt sie ihm bei der deutschen Meisterschaft in Sindelfingen die Daumen.

27 Einzelwertungen, 15 Mannschaftswertungen und über 1000 Starter aus 275 Vereinen von der U16 bis zu den Aktiven – am Samstag ist das Badezentrum Sindelfingen bei den deutschen Crosslauf-Meisterschaften für einen Tag das Zentrum der Leichtathletik.

Wenn es am Samstag auf der gut einen Kilometer langen Strecke über das Gelände des Sindelfinger Freibads auf die Runden geht, werden in den Läufer-Pulken auch viele blau-weiße Trikots zu sehen sein. „Wir haben bei den deutschen Crosslauf-Meisterschaften 26 Athleten am Start. Und natürlich die Hoffnung, dass unsere Läufer zahlreich unterstützt werden“, drückt der Abteilungsleiter der Sindelfinger Leichtathleten Jürgen Kohler auf der Pressekonferenz im Glaspalast seinen Wunsch aus und ergänzt. „Es freut uns ganz besonders, 100 Jahre nach der Gründung unserer Abteilung ein Großereignis wie die Cross-DM ausrichten zu können“. Hoffnungen, auch bei der Medaillenvergabe ein Wörtchen mitreden zu können, hat man im VfL-Lager vor allem mit Blick auf Paul Specht.

Voller Vorfreude ist man auch bei der Stadt Sindelfingen. „Eine deutsche Meisterschaft ist immer eine besondere Herausforderung. Wir werden alles tun, dass die Strecke durch das Badezentrum, sicherlich eines der Filetstücke der Stadt, am Samstag bestmöglich zu laufen sein wird“, kündigt der Chef vom Sindelfinger Sport- und Bäderamt, Christian Keipert, an. Eine Absage aufgrund des Coronavirus stand in Sindelfingen indes nie zur Debatte. Die Läufer werden allerdings durch einen vom DLV erarbeiteten Maßnahmenkatalog für die neu eingetretene Situation sensibilisiert.

Die deutschen Crosslauf-Meisterschaften im Badezentrum in der Hohenzollernstraße 23 beginnen am Samstag um 9.30 Uhr mit dem Wettbewerb der weiblichen Jugend U16. Der letzte Startschuss erfolgt um 16 Uhr für das Langstrecken-Rennen der Männer. Der Eintritt kostet für Erwachsene 6 Euro, Jugendliche bis 18 Jahre zahlen 4 Euro, Kinder bis 10 Jahre sind frei.