Die letzte Hürde ist für Andreas Dengler gefallen
  24.06.2013 •     Pressemitteilung

Mittwochabend im Sindelfinger Floschenstadion. Ein heißer Sommertag geht zu Ende. Pünktlich ist Andreas Dengler zum Training erschienen. Hans Niethammer, sein Coach seit nunmehr 20 Jahren, hätte auch nichts anderes erwartet. Die Bedingungen sind gut. Heute, das war den seit 20 Jahren in der Kreis-Leichtathletik als verschworenes Gespann bekannten Männern klar, heute kommts drauf an. Dengler: "Es war richtig warm, wir hatten Rückenwind. Die Bedingungen waren ideal. Ich habe mich ordentlich warmgemacht." Währenddessen stellt Niethammer die Teststrecke auf. Fünf Hürden auf 60 Metern.

Den ersten Entschluss hatten beide bereits im letzten Jahr gefasst. 2013, dieses Jahr, sollte die letzte Saison des 32-jährigen Oberjesingers als Hürdensprinter werden. Das letzte Jahr im Leistungssport, dem sich Andreas Dengler bereits im Junioren-Alter mit Haut und Haaren verschrieben hat. Im Jahr 1994, er war gerade 14 Jahre alt geworden, ist alles ganz schnell gegangen. Als Schüler hatte er innerhalb eines Jahres neben dem Sprint auch in der Hürdendisziplin beim sogenannten Hürdenabend des SV Nufringen teilgenommen - und sich extrem gesteigert. Ein Freund der Familie machte ihn auf die Trainingsgruppe von Hans Niethammer bei der SV Böblingen aufmerksam: "Da hats ein paar Gute dabei." Der Leichtathletik-Neuling schaute bei einem Trainingsabend vorbei. "Was kannst du denn?", hatte Coach Niethammer ganz offen gefragt. "Hürden", meinte Dengler forsch angesichts des Erfolgserlebnisses am Nufringer Hürdenabend.

Der Rest ist Geschichte. Bereits drei Jahre später, 1997, gewann er bei der deutschen Meisterschaft der B-Jugend über 110 Meter Hürden seine erste Silbermedaille. Im selben Jahr durfte er auch erstmals im weißen Trikot mit dem roten Brustring und dem Bundesadler den Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) bei einem Länderkampf in Schwerin vertreten. Andreas Dengler wurde zum Aushängeschild der SV Böblingen und nach dem Wechsel noch im Juniorenalter zum VfL Sindelfingen auch dort zum Ausnahmeathlet.

Denn Hürdenlauf ist nicht jedermanns Sache, es ist eine der komplexesten Sportarten in der Leichtathletik. Antrittsschnelligkeit, Sprintstärke, Sprungvermögen, Koordinationsfähigkeit, Körperhaltung - zig biomechanische Faktoren spielen eine Rolle, um über die 1,06 Meter hohen Hürden, zehn an der Zahl, zu flitzen. Und Andreas Dengler war fasziniert von Anfang an: "Wenn du dich so richtig gut fühlst, dann springst du nicht über die Hürden, sondern die Hürden laufen unter einem weg. Es ist ein Gefühl, das wirklich schwer zu beschreiben ist." Umso trainingsintensiver ist das Ganze. Seit dem Juniorenalter stand das Duo Dengler/Niethammer im Stadion oder in den Wintermonaten im Sindelfinger Glaspalast. Von den schwierigen Zeiten ganz zu schweigen. Denn im Gegensatz zu den Technikern, den Speerwerfern, Kugelstoßern oder Weitspringern sowie den Läufern können Hürdensprinter nicht dosiert trainieren, müssen stets mit voller Wucht "gegen die Hürden" laufen.

Dementsprechende Blessuren trug auch Andreas Dengler immer wieder davon. In seinem letzten Juniorenjahr hatte er eine 18-monatige Zwangspause zu verkraften. Prompt kullerten zusammen mit Trainingspartner Jörg Niethammer, dem Trainersohn und 400-Meter-Läufer, die Freudentränen, als beide in der Sindelfinger 4x400-Meter-Staffel im Jahr 2002 die Landesmeisterschaften holten. Wenn er verletzungsfrei blieb, dann zählte Dengler zur deutschen Spitze. Davon war sein Coach immer wieder überzeugt. Im Jahr 2003 deutete er erstmals sein Potenzial an. Bei der süddeutschen Meisterschaft in Regensburg blieb die Uhr über die 110 Meter Hürden bei 13,73 Sekunden stehen, die deutsche Nachwuchshoffnung Jan Schindzielorz (Fürth/13,95 Sekunden) hatte er deutlich hinter sich gelassen. Er schien in einer Liga mit den Top-Athleten Mike Fenner, Jerome Crews (beide Wattenscheid) und Felix Balzer (Jena) zu sein. Es kam noch besser: Zum Freiluft-Saisonauftakt 2004 in Pliezhausen lief er mit 13,66 Sekunden deutsche Jahresbestzeit. So gut war er noch nie in ein Leichtathletik-Jahr gestartet. Doch Verletzungen warfen ihn dieses und auch die nächsten Jahre immer wieder zurück. Die Achillessehne, der Meniskus, der linke Beuger im Oberschenkel, die Adduktoren - die Krankenakte von Andreas Dengler ließe sich beliebig fortsetzen. Der Maschinenbaustudent ging durch zahlreiche Ärzte-Hände und Reha-Maßnahmen. Hans Niethammer: "Die Konsequenz, mit der er die Sondertrainingsprogramme absolviert hat, habe ich bewundert." Für den 64-jährigen Trainer war Dengler ein begnadetes Talent: "Er konnte verbale Anregungen immer sofort umsetzen. Im Sprintbereich war er vielleicht nicht so stark, aber im Technikbereich konnte er mit den Allerbesten mithalten." Was schließlich zu sieben Titeln bei süddeutschen Meisterschaften, 13 Teilnahmen an DM-Endläufen und vier deutschen Vizemeisterschaften bei Jugend und Aktiven geführt hat. An diesem Mittwochabend wird sich entscheiden, ob der 32-Jährige noch mal eine Comeback-Saison hinlegt, wie so einige Male zuvor. Die Zeichen stehen allerdings schlecht. Denn Mitte Mai, vor rund sechs Wochen, war Andreas Dengler bei einem Trainingslauf gestürzt. Mit dem Nachziehbein blieb er an der Hürde hängen, sein Schwungbein knickte komplett um. Dengler: "Ich wusste sofort - irgendwas ist im Sprunggelenk gerissen." Die Zeit für die Regeneration lief davon, denn er musste noch die DM-Norm schaffen. Sie wäre im Juli gewesen, im Ulmer Stadion - quasi vor seiner Haustür. Die letzte Qualifikationsmöglichkeit, so bekamen Niethammer und Dengler vom DLV signalisiert, wäre noch bei den baden-württembergischen Meisterschaften an diesem Wochenende in Karlsruhe möglich gewesen.

Deshalb ließ Dengler auch ein Meeting in Rheinau-Freistett vergangene Woche sausen. Nun aber muss der Härtetest Gewissheit bringen, ob das Schwungbein nach dem Bänderriss wieder kräftig genug ist. Erster Lauf - zweite Hürde gerissen. Zweiter Lauf - eine mehr als durchwachsene Zeit. Niethammer wiegt den Kopf hin und her. Dengler: "Wir wussten, wenn der dritte Lauf nicht eine außergewöhnliche Steigerung bringt, wars das." Dritter Lauf - die Zeit ist genauso schlecht. Trainerkollege Werner Späth fragt besorgt: "Und? Wie liefs?" Hans Niethammer und Andreas Dengler schlucken: "Nicht so gut." Die Saison, welche die letzte einer 20-jährigen Sportlerkarriere mit vielen Aufs und Abs hätte werden sollen, ist zu Ende. Andreas Dengler, der mittlerweile mit Freundin in Gärtringen lebt, konnte es nicht fassen: "Das habe ich alles noch nicht verarbeitet." Dann geht er zum Physiotherapeuten Antonios Kontos - jetzt muss erst mal das Sprunggelenk wieder in Ordnung gebracht werden. Es ist ein stiller Abgang.