Der lange Weg zurück
  24.07.2015 •     Pressemitteilung

Der Satz kommt spontan. Und ohne Groll. „Ein paar Tage noch bin ich deutsche Meisterin“, sagt Nadine Hildebrand, „dann war ich deutsche Meisterin.“ Denn bei den nationalen Meisterschaften in Nürnberg wird die 27-jährige Hürdensprinterin vom VfL Sindelfingen ihren Titel, den sie zweimal in Folge gewann, nicht verteidigen. Nicht verteidigen können.

Am 7. Januar war bei der 1,58 Meter großen Athletin in einer 45-minütigen Operation eine Knochen-Knorpel-Transplantation im rechten Knie vorgenommen worden. Dabei war ein Stück Knorpel samt darunterliegendem Knochen verpflanzt worden.

Sechs Wochen durfte sich Hildebrand nur mit Gehhilfen bewegen. Danach begann langsam wieder das Aufbautraining. „Einen genauen Zeitplan habe ich nicht“, sagt sie, „ich weiß nicht, wie das Knie die Belastung verträgt.“ Zwangsläufig hat sich die quirlige Sportlerin mit der Situation arrangiert, auch, wenn es der EM-Sechsten schwerfällt. „Aber alles zu vergeigen, nur weil ich es zu früh wollte, wäre ärgerlich.“ Auch ihr Trainer Werner Späth bremste von Anfang an zu ehrgeizige Pläne. „Er hat klipp und klar zu mir gesagt: Erst wenn Du die 100 Meter unter 20 Sekunden laufen kannst, darfst Du wieder zu mir kommen.“ Ihre Bestzeit über die 100 Meter mit zehn Hürden steht bei 12,71 Sekunden.

„Meine Verletzungs-Stempelkarte ist voll“, sagt die Hürdensprinterin, weil sie beinahe in jeder Saison mehr oder weniger schwere Verletzungen hatte. Nun folgte die erste Operation. Obwohl das Training ausfiel, in ein großes Loch ist Nadine Hildebrand nicht gefallen. „Die Trainingszeit wird komplett durch die Reha und Physiotherapie aufgebraucht“, erzählt sie. Und noch ein bisschen mehr. Der Tagesablauf der Athletin, die halbtags als Anwältin in einer Stuttgarter Kanzlei arbeitet, ist prall gefüllt. Zumindest bis Ende Juli. Dann läuft ihr Vertrag aus, doch die Juristin hofft, bald einen neuen Arbeitsplatz zu finden.

Mitte Juni hat sich das geändert, als Nadine Hildebrand auf die Kunststoffbahn zurückkehren konnte. Davon hat sie gleich auf ihrer Facebook-Seite gepostet: „Die erste „Hürden“-Einheit seit der OP! Fühlt sich sooo super an, endlich mal wieder das machen zu können, was ich liebe!!!“ Dabei handelt es sich lediglich um lockeres Techniktraining. Noch nichts Schnelles. Tempoläufe sind noch tabu. „Weil das rechte Bein noch nicht so kräftig ist, würde ich mir eine falsche Technik angewöhnen.“

Es fällt Nadine Hildebrand sichtlich schwer, sich zurückzunehmen. Letztlich aber siegt doch die Vernunft.

Nach der Operation hat sich die Sindelfingerin rargemacht. Nur ganz sporadisch informierte sie sich im Internet. „Die Ergebnisse bringen mir nichts“, begründet sie ihr Verhalten. Lediglich zu den deutschen Hallen-Meisterschaften war sie nach Karlsruhe gekommen. Sie wollte ihre VfL-Trainingskollegin Sabrina Lindenmayer unterstützen. „Ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil sie im Training plötzlich ganz allein war.“ Bronze war der Erfolg der moralischen Unterstützung.

Im täglichen Training kann sich Hildebrand mittlerweile schon über kleine Verbesserungen freuen. Anfang Juli postete sie: „Fortschritte diese Woche: Hürdenlaufen über 60 ZentimeterHürden und sogar meine neuen Spikes ausprobiert.“ Im Wettkampf sind die Hindernisse 84 Zentimeter hoch.

„Ich habe schon gemerkt, dass mir was fehlt“, gibt sie ganz ehrlich zu. Aber nur das selber Laufen. Bei den deutschen Meisterschaften in Nürnberg wird sie nicht zuschauen. Ihre Krankengeschichte mag sie nicht ständig erzählen. Denn sie weiß, dass es noch ein langer Weg zurück zu alter Stärke sein wird.

Und zur Geschwindigkeit. „Ich brenne jetzt mehr“, sagt die Athletin. Auch auf weitere Meistertitel. Denn die Vergangenheitsform gefällt Nadine Hildebrand dann doch nicht so.

erstellt von szbz.de