Alles ist auf Paris und Tokio ausgelegt
  06.12.2019 •     Pressemitteilung TOP-Nachricht

SZBZ vom 06.12.19 von Saskia Drechsel:Mit den Olympischen Spielen hat er noch eine Rechnung offen: Tobias Dahm, einer von zwei Top-Kugelstoßern des VfL Sindelfingen, erinnert sich nicht gerne an seine Leistung in Rio de Janeiro. So geht der 32-Jährige die Olympiasaison des kommenden Jahres mit einer besonderen Motivation an. Die SZ/BZ hat mit dem Olympiateilnehmer über seine Erinnerungen an 2016, die Technikfrage im Kugelstoßen und seine Ziele im kommenden Jahr gesprochen.

Bis zum Jahr 2017 gab es all die Jahre hinweg keine schweren Verletzungen, dann kamen erst zum Jahreswechsel der Achillessehnenriss und im letzten Jahr ein Bandscheibenvorfall. Wie fällt vor diesem Hintergrund die Bewertung der vergangenen Saison aus?

Tobias Dahm: „Ich hätte mir mehr erhofft, zumindest einen Stoß über 20 Meter. Aber es waren viele gute Ansätze dabei, und man muss bedenken, dass ich nach meinem Bandscheibenvorfall meinen Körper erst einmal wieder auf Vordermann bringen musste. Ich habe außerdem meinen Trainer gewechselt und trainiere jetzt bei Artur Hoppe und Markus Reichle. Ich denke, ich starte auf einer guten Basis in die Olympiasaison.“

Die späte Weltmeisterschaft in Doha ist zwar verpasst, dadurch aber wahrscheinlich der Vorteil gewonnen, früh wieder mit der Saisonvorbereitung für das nächste Jahr zu beginnen. Wie läuft das Training bisher?

Tobias Dahm: „Ich bin seit neun Wochen in der Vorbereitung. Gerade steht schwerpunktmäßig Kraftausdauer auf dem Trainingsplan. Ich stemme aber auch schon wieder schwere Gewichte, mache viele Sprünge und habe mit dem Kugelstoßen begonnen – allerdings mit schwereren Kugeln von bis zu 8,5 Kilogramm.“

Wie sind die Ziele für das kommende Jahr? Die Olympia-Norm liegt diesmal ungewöhnlich hoch. Für eine direkte Qualifikation sind 21,10 Meter nötig.

 

“Die Norm ist ein anz schöner Brocken”

Tobias Dahm: „Natürlich ist alles auf die Olympischen Spiele in Tokio und die Europameisterschaft in Paris ausgelegt. Die Norm ist ein ganz schöner Brocken und noch einmal deutlich weiter als vor vier Jahren mit 20,50 Metern. Man muss gleichzeitig aber auch sagen: Das Weltniveau ist deutlich angestiegen. Das hat man am besten in Doha gesehen, die drei Erstplatzierten haben die 22-Meter-Marke deutlich geknackt.“

Seit Jahren gibt es im Kugelstoßen die große Technikfrage: angleiten oder der Drehstoß. Du bist Angleiter, Dein Vereinskollege Simon Bayer Drehstoßtechniker, der im vergangenen Jahr erstmals die 20 Meter geknackt hat und bei den deutschen Meisterschaften an Dir vorbeigezogen ist. Auch international sieht man eine klare Tendenz: Das Drehstoßen ist auf dem Vormarsch.

Tobias Dahm: „Eines kann ich ausschließen: Ich werde in meiner Karriere kein Drehstoßer mehr. Auch mit dem Angleiten kann man große Weiten erzielen, das hat ein David Storl unter Beweis gestellt, und nicht jeder kann drehen, das ist auch Typsache. Simons Leistungssteigerung in diesem Jahr hat mich sehr für ihn gefreut. Es ist positiv, gefordert zu werden, und es muss schließlich einen Nachfolger für mich geben. Wir sehen uns fast täglich im Training, aber er ist ein vollkommen anderer Werfertyp.“

Neben der direkten Normerfüllung gibt es im nächsten Jahr die Möglichkeit einer Qualifikation über das IAAF-Ranking. Für das Ranking werden alle jüngsten Ergebnisse eines Athleten herangezogen, die Bewertung richtet sich auch nach Besetzung und Stellenwert des Meetings. So sollen möglichst viele Spitzenathleten auch bei den Top-Meetings starten. Muss man sich grundsätzlich internationaler ausrichten?

Tobias Dahm: „Tatsächlich wird es im kommenden Jahr wichtig sein, einen Startplatz in guten Meetings zu bekommen. Das wird also deutlich aufwendiger. Unsere deutschen Werfertage bringen da einfach nicht genügend Punkte im Ranking. Deswegen werde ich sicherlich auch mehr reisen müssen als sonst und mich in anderen Ländern umschauen. Im Winter verzichte ich auch aus diesem Grund auf ein Trainingslager, hier in Stuttgart habe ich sowieso die besten Bedingungen und spare so Urlaubstage für den Sommer. Wenn ich mir keine Chance ausrechnen würde, würde ich das alles auch nicht machen.“

2016 war ein harter Kampf um die Norm für die Olympischen Spiele, der Lohn war die Nominierung. Welche Erinnerungen bleiben vom Wettkampf in Rio de Janeiro hängen?

Tobias Dahm: „Ich habe tatsächlich noch eine Rechnung offen. 2016 habe ich in Rio nicht gezeigt, was ich eigentlich kann. Ich hatte mir deutlich mehr erhofft und möchte es im kommenden Jahr in Tokio besser machen, das treibt mich an. Mein Vorteil ist: Ich habe die Abläufe schon einmal erlebt und kann mich mental darauf einstellen.“


Saskia Drechsel berichtet seit vielen Jahren für die SZ/BZ über Leichtathletik und verfolgt dabei auch die Laufbahn von Tobias Dahm.

Um nach Tokio zu kommen, muss auch ein Hüne wie Tobias Dahm über sich hinauswachsen. Das Niveau an der Weltspitze hat derweil angezogen, die Olympianorm liegt bei 21,10 Metern und damit satte 60 Zentimeter höher als 2016. Bild: Drechsel

erstellt von Saskia Drechsel (SZBZ